Noch ein Jubiläum: Der kleine Vampir ist

Von Oliver Kotowski

Das ist mir gerade aufgefallen, als ich mir die bibliografischen Daten angesehen habe: Der kleine Vampir von Angela Sommer-Bodenburg wurde im Mai 1979 erstveröffentlicht. In den letzten dreißig Jahren sind zwanzig Bände erschienen – damit macht die Reihe Brian Lumleys Necroscope-Serie, die mittlerweile bei knapp dreißig Bänden liegt, beinahe Konkurrenz als längste Vampir-Serie. An Popularität dürfte Der kleine Vampir Necroscope – wenigstens in Deutschland – allerdings deutlich überflügelt haben, denn zumindest in unserer Grundschule war es inoffiziell obligatorisch, Anton Bohnsacks Abenteuer zu verfolgen. Ich selbst habe immerhin die ersten sechs gelesen, bevor ich zu alt wurde. Außerdem wurde die Serie schon mehrfach filmisch umgesetzt: zweimal im Serien-Format und einmal als Spielfilm. Das hat Der kleine Vampir vielen Vampir-Geschichten, die in den 70ern und später entstanden sind, voraus.

Doch die Romane sind darüber hinaus bemerkenswert. Ich greife mal den ersten, der den schlichten Titel Der kleine Vampir trägt, auf. Wenn man an den Roman herangeht, sollte dabei im Kopf behalten werden, dass es eine Kindergeschichte ist. Und zwar eine Abenteuergeschichte, die so kaum mehr erzählt wird: Anton Bohnsack bekommt eines Abends unvermittelt Besuch von Rüdiger von Schlotterstein, einem Vampir im Kinderalter. Die beiden freunden sich an und im Folgenden erleben sie einige (kindgerecht) gruselige oder komische Abenteuer, die darin gipfeln, dass Antons Eltern Rüdiger und dessen kleine Schwester Anna als Freunde Antons akzeptieren.
Über die Akzeptanz des Nicht-Bürgerlichen (Antons Eltern sind Ausbünde an bürgerlichen Tugenden und Rüdiger und Anna sind eine Mischung aus Adligen und Schmuddelkindern) wird noch anderes gesellschaftlich Relevantes thematisiert – z. B. das Geschlechterverhältnis. Als Rüdiger und Anna Antons Eltern kennen lernen, kommt das Gespräch auf die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen zu sprechen:

“Was?” rief Anna. “Das stimmt doch nicht! Warum haben die Mädchen hübsche Sachen an? Weil ihre Mütter sie ihnen angezogen haben! Und warum klettern sie nicht auf Bäume? Weil sie ihre Sachen nicht dreckig machen dürfen!”
– Angela Sommer-Bodenburg, Der kleine Vampir, S. 125

Da es Anna in den Mund gelegt wird, ist es Figurenrede und keine Autorenrede – ob es wahr ist oder nicht, bleibt somit den Leser überlassen.
Auch in puncto literarischer Techniken ist der Roman durchaus interessant, denn es gibt z. B. einige Anspielungen auf andere Vampirgeschichten wie Robert Blochs Der Umhang, Stephen Grendons (aka August Derleth) Treibender Schnee oder Roger M. Thomas’ James Bradleys Vampir, manche sehr direkt, andere weniger.
Letztlich greift die Autorin alle wichtigen Motive der Vampirgeschichte auf und verarbeitet diese stets mindestens ein bisschen schräg:
- Zwar sind die von Schlottersteins adlige Vampire – sie hatten einst sogar ein Schloss – doch im generellen Auftreten erinnern sie eher an Obdachlose, auch wenn immer wieder ein verwesender Hauch von Noblesse Oblige zu spüren ist.
- Anton träumt von seinen Vampirfreunden – aber eben keinen prophetischen Traum, der verschleiert die Wahrheit kundtut, sondern einen ganz klassisch eine gefährliche Situation psychologisch im Schlafe verarbeitender.
- Rüdiger und dessen älterer Bruder Lumpi werden ganz direkt mit Krankheit in Verbindung gebracht: Die beiden sind krank geworden und müssen den Sarg hüten. Anton besucht sie und spielt eine Runde Mensch Vampir ärgere dich nicht mit ihnen.
- Sexualität spielt eine spürbare, aber kindgerecht abgeschwächte Rolle: Anna ist klar in Anton verliebt, der wiederum errötet häufig in ihrer Nähe und findet ihre Fragen verfänglich. Diese Beziehung (und andere) werden in den folgenden Romanen noch wichtiger.

Letztlich ist es wegen der Anspielungen auch ein Befindlichkeitsreport des Zustandes der Vampirgeschichte in der späten 70ern: Anna und Anton kennen keine Liebesgeschichte zwischen Vampir und Mensch, die gut ausgeht, und so verfasst Anna selbst eine.

Einen großen Dank an Angela Sommer-Bodenburg für den kleinen Vampir!

Oliver