Doch die Romane sind darüber hinaus
bemerkenswert. Ich greife mal den ersten, der den schlichten Titel
Der kleine Vampir trägt, auf. Wenn man an den Roman herangeht,
sollte dabei im Kopf behalten werden, dass es eine Kindergeschichte ist. Und
zwar eine Abenteuergeschichte, die so kaum mehr erzählt wird: Anton Bohnsack
bekommt eines Abends unvermittelt Besuch von Rüdiger von Schlotterstein,
einem Vampir im Kinderalter. Die beiden freunden sich an und im Folgenden
erleben sie einige (kindgerecht) gruselige oder komische Abenteuer, die
darin gipfeln, dass Antons Eltern Rüdiger und dessen kleine Schwester Anna
als Freunde Antons akzeptieren.
Über die Akzeptanz des Nicht-Bürgerlichen (Antons Eltern sind Ausbünde an
bürgerlichen Tugenden und Rüdiger und Anna sind eine Mischung aus Adligen
und Schmuddelkindern) wird noch anderes gesellschaftlich Relevantes
thematisiert – z. B. das Geschlechterverhältnis. Als Rüdiger und Anna Antons
Eltern kennenlernen, kommt das Gespräch auf die Unterschiede zwischen Jungen
und Mädchen zu sprechen:
“Was?” rief Anna. “Das stimmt doch
nicht! Warum haben die Mädchen hübsche Sachen an? Weil ihre Mütter sie ihnen
angezogen haben! Und warum klettern sie nicht auf Bäume? Weil sie ihre
Sachen nicht dreckig machen dürfen!”
– Angela Sommer-Bodenburg, Der kleine Vampir, S. 125
Da es Anna in den Mund gelegt wird,
ist es Figurenrede und keine Autorenrede – ob es wahr ist oder nicht, bleibt
somit den Leser überlassen.
Auch in puncto literarischer Techniken ist der Roman durchaus
interessant, denn es gibt z. B. einige Anspielungen auf andere
Vampirgeschichten wie Robert Blochs Der Umhang,
Stephen Grendons (aka August Derleth) Treibender Schnee
oder Roger M. Thomas’ James Bradleys Vampir,
manche sehr direkt, andere weniger.
Letztlich greift die Autorin alle wichtigen Motive der Vampirgeschichte auf
und verarbeitet diese stets mindestens ein bisschen schräg:
- Zwar sind die von Schlottersteins adlige Vampire – sie hatten einst sogar
ein Schloss – doch im generellen Auftreten erinnern sie eher an Obdachlose,
auch wenn immer wieder ein verwesender Hauch von Noblesse Oblige zu
spüren ist.
- Anton träumt von seinen Vampirfreunden – aber eben keinen prophetischen
Traum, der verschleiert die Wahrheit kundtut, sondern einen ganz klassisch
eine gefährliche Situation psychologisch im Schlafe verarbeitender.
- Rüdiger und dessen älterer Bruder Lumpi werden ganz direkt mit Krankheit
in Verbindung gebracht: Die beiden sind krank geworden und müssen den Sarg
hüten. Anton besucht sie und spielt eine Runde Mensch Vampir ärgere dich
nicht mit ihnen.
- Sexualität spielt eine spürbare, aber kindgerecht abgeschwächte Rolle:
Anna ist klar in Anton verliebt, der wiederum errötet häufig in ihrer Nähe
und findet ihre Fragen verfänglich. Diese Beziehung (und andere) werden in
den folgenden Romanen noch wichtiger.
Letztlich ist es wegen der Anspielungen auch ein Befindlichkeitsreport des Zustandes der Vampirgeschichte in der späten 70ern: Anna und Anton kennen keine Liebesgeschichte zwischen Vampir und Mensch, die gut ausgeht, und so verfasst Anna selbst eine.
Einen großen Dank an Angela Sommer-Bodenburg für den kleinen Vampir!
Oliver



